deutscheausrussland.de Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V
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29 Bundestreffen der Deutschen aus Russland - ein Rückblick
Nostalgisches, Geschichtliches, Geographisches

29 Bundestreffen ihrer Mitglieder und Landsleute hat die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in nunmehr 59 Jahren ihrer Geschichte mehr oder weniger erfolgreich durchgeführt.

Es ist zum 20. Mal, dass ein Bundestreffen am Rhein durchgeführt wird. 1983 und 2004 war Karlsruhe Austragungsort unseres 18. und 28. Bundestreffens. Und 17 Mal dazwischen, davor oder nachher war es Wiesbaden. Stuttgart am Neckar war lediglich sechsmal Schauplatz.

Wenn ich in der Chronik der Landsmann­schaft zurückblättere, fallen mir aus früheren Jahren einige Bundestreffen besonders auf. 21 Mal war ich selbst dabei. Bei den anderen acht verlasse ich mich auf das, was in „Volk auf dem Weg“ und „Heimat und Diaspora“ darüber berichtet wurde oder was mir Teilnehmer erzählt haben.

Nach meiner ganz subjektiven Einschät­zung waren das die markantesten Bundestreffen der Deutschen aus Russland:

1951. Das erste Bundestreffen fand zu Pfingsten in Stuttgart-Feuerbach statt. 1.500 Teilnehmer aus den drei Westzonen waren mit von der Partie. „Sogar aus dem weiten Norden“, schrieb ein anonymer Bericht­erstatter in „Volk auf dem Weg“ und nannte konkret Lübeck, Hamburg und Bremen. Baden-Württembergs Innenminister Fritz Ulrich erinnerte als Festredner vor allem an das Nachkriegsschicksal der Vertriebenen und plädierte für die Anerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft der Deutschen aus Russland.

1955. Das dritte Bundestreffen fand zum größten Teil in der geschichtsträchtigen Paulskirche in Frankfurt am Main statt. Es war einer der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte der Landsmannschaft. Unter Führung des schwarzmeerdeutschen Pfarrers Heinrich Roemmich und des wolgadeutschen Superintendenten Johannes Schleuning trauten sich die wenigen in Deutschland verbliebenen Deutschen aus Russland endlich aus ihrer Anonymität heraus. Die Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler wurde dem Zeitgeist entsprechend in Landsmannschaft der Deutschen aus Russland umbenannt.

1962 . Es begann die Ära Wiesbaden! Die folgenden 16 Bundestreffen wurden mit einer Unterbrechung in der hessischen Landeshauptstadt durchgeführt. Nach wie vor dominierten in den Festreden Beiträge zur Erfolgsgeschichte der Deutschen in Russland und ihren Leiden unter der Sowjetherrschaft. Der damalige zweite Mann der Landsmannschaft, Dr. Karl Stumpp, stellte die Auswertung des historischen Materials über die Deutschen in Russland in das Zentrum seines Referats.

1964. Das 7. Bundestreffen stand ganz im Zeichen der Sorge um die Brüder und Schwestern „drüben“. Während des ganzen Jahres durften nur 263 Deutsche aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Die Landsmannschaft versuchte durch eine intensivere Zusammenarbeit mit amtlichen Stellen, dem Deutschen Roten Kreuz und dem Bund der Vertriebenen eine bessere Basis für die Aufnahme ihrer in der Sowjetunion festgehaltenen Landsleute zu schaffen. Sie verbreitete über „Volk auf dem Weg“ Tausende von Suchanzeigen bezüglich vermisster Russlanddeutscher und bildete Mitglieder für die Beratung neuer Heimkehrer aus der Sowjetunion aus.

1972 beeindruckte vor allem die Predigt von Pfarrer Eugen Bachmann, den man „gnädig“ aus Kasachstan herausgelassen hatte. Mit dem biblischen Gleichnis von der Erweckung des armen Lazarus durch Christus unterstrich Bachmann, dass mit dem irdischen Tod noch nicht alles vorbei ist.

1974, 1976, 1977. Auf diesen Bundestreffen wurde die „Interimszeit“ zwischen der „alten Garde“ und den „jungen Rebellen“ weitgehend durch den rhetorisch herausragenden Studienrat a.D., Joseph Schnurr, geprägt. Bei seinen Vorträgen, die gelegentlich durch persönliche Erinnerungen der Ehrenpräsidentin der Landsmannschaft, Gertrud Braun, oder der späteren Vorsitzenden des Kulturrates der Deutschen aus Russland, Viktoria Fleck, ergänzt wurden, flossen die Tränen in Strömen.

Als Festredner schickte die rotgelbe Bundesregierung nach einiger Zurückhaltung in den Jahren zuvor mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Gerhard Baum (FDP) wieder einen prominenten Bundespolitiker nach Wiesbaden. Noch vor dem nächsten Bundestreffen übernahm Baden-Württemberg am 30. Januar 1979 die Patenschaft über die Landsmannschaft.

1979. Die Landsmannschaft befand sich bereits fest in den Händen ihrer zweiten Generation. Das waren vor allem ihr Bundesvorsitzender Franz Usselmann und seine Stellvertreter Josef Helmel und Edmund Leibham. Gleichrangig mischten aber auch schon die Jüngeren und ganz Jungen mit: Anton Bosch, Albin Fiebig, Eduard von Sarnowski, Waldemar Axt.

1983. Die Erfolgsmeldung des Bundestreffens in Karlsruhe lautete: „Wir haben ein eigenes Haus!“ 1982 hatte eine Kulturveranstaltung in diesem Haus in Göppingen so manchem Bundestreffen kaum nachgestanden. In Karlsruhe zählte man immerhin 6.794 zahlende Besucher. Das wichtigste Thema war die Familienzusammenführung, die man bei der Sowjetunion mit scharfen Tönen anmahnte. „Wenn das sowjetische Erdgas fließen soll, dann müssen auch die Menschen frei einreisen dürfen“, forderte der Präsident der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Dr. Reinhard Gnauck, unter tosendem Beifall.

1990. Das letzte Bundestreffen der langen Wiesbadener Serie. Mit 20.000 Besuchern war wohl auch das Fassungsvermögen der Rhein-Main-Hallen erreicht. Franz Usselmann forderte ganz im Geiste der Bundespolitik, dass Russland alle ausreisewilligen Deutschen ausreisen lassen sollte. Festredner war Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, für den es eine seiner letzten größeren Veranstaltungen vor dem Attentat auf ihn am 30. Oktober 1990 war.

1998. Ab 1992, als die Landsmannschaft ihre Bundestreffen von Wiesbaden nach Stuttgart verlegt hatte, erreichten die Teilnehmerzahlen neue Dimensionen. Absoluter Höhepunkt waren die 40.000 Gäste des Bundestreffens 1998, die vor allem auf den Stuttgarter Killesberg gekommen waren, um mit Dr. Helmut Kohl erstmals einen Bundeskanzler als Festredner der Feierstunde zu erleben. Bei seiner Ansprache wurde denn auch sehr lebhaft und überzeugend geklatscht, obwohl viele noch wenige Tagen davor gemurrt hatten - wegen der Rentenkürzungen, der Zunahme von abgelehnten Ausreiseanträgen, der Kürzung der Sprachförderung und der Einführung des Sprachtests im Aussiedleraufnahmeverfahren.

2001. Vorerst letztes Treffen in Stuttgart. In Bonn regierte Rot-Grün, zum Bundestreffen kam Bundesminister Otto Schily (SPD). 20.000 Besucher spendeten ihm genauso ehrlich Beifall wie zuvor den Oberen von der CDU, selbst als er betonte, dass Deutschlands Aufnahmekapazität nicht grenzenlos sei und die Eingliederung ohne deutsche Sprachkenntnisse zu scheitern drohe. Besonders viel Applaus erhielt Schily für seinen Satz: „Die Deutschen aus Russland sind unsere Landsleute und keine Ausländer!“ Leider hatte das eine Mehrheit des Bundestags offenbar anders gesehen, sonst wären unsere Spätaussiedler 2003 nicht zu Migranten erklärt worden.

2007. Wir trafen uns wieder in Wiesbaden. In Berlin regiert die große Koalition, das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz der Bundesregierung wirkte sich vor allem in Form drastisch zurückgehender Aussiedlerzahlen aus, und bei so manchem allzu offensichtlichem Lippenbekenntnis zu den Deutschen aus Russland, dem keine Taten folgten, war man innerhalb der Landsmannschaft reservierter und kritischer geworden. Der seit 2003 amtierende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Adolf Fetsch, verteidigte seine Landsleute so gut wie möglich und mahnte mit deutlichen Worten Verbesserungen in der Aussiedlerpolitik an.

2009. Wir treffen uns in Rheinberg und hoffen auf gutes Wetter und guten Besuch. So Gott will.

J. Kampen


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