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“Noch heute nagt der Schmerz in unseren Herzen.”
Gedenkfeier vor dem Berliner Reichstag

Mit einer eindrucksvollen Feierstunde gedachte die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland gemeinsam mit der Bundesvereinigung “Heimat” am 30. August vor dem Berliner Reichstag der russlanddeutschen Opfer von Verfolgung und Vertreibung nach dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 28. August 1941 “Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen”

Für sein Eröffnungsgebet hatte Pfarrer Dieter Grimmsmann Worte gewählt, die vor allem den älteren Teilnehmern sichtlich zu Herzen gingen und sie an ihr eigenes Schicksal erinnerten: “Es gibt zwei Arten von Gefangenschaft:

Die eine ist eine physische hinter Stacheldraht und Mauern. Wer sie erlebt hat, vergisst sie nicht wieder. Diese Gefangenschaft, derer wir heute gedenken, ging zu Ende. Gott sei es gedankt! Es folgten Jahre, in denen die Repressalien in der Sowjetunion nicht aufhörten, aber die Gefangenschaft war zu Ende.

Es gibt aber auch die Gefangenschaft des Herzens und der Seele. Sie ist in vielen aus der Erlebnisgeneration die Folge der physischen Gefangenschaft. Wenn ich mit solchen älteren Schwestern und Brüdern Gottesdienst feiere oder Versammlung halte, fällt mir auf, dass sie nicht lachen. Und sie lachen nicht nur in der Kirche nicht, sie lachen überhaupt nicht mehr.”

Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Adolf Fetsch, begrüßte besonders herzlich diejenigen Landsleute, für die der 28. August 1941 nicht nur ein historisches Datum markiert, sondern vor allem auch den tragischen Höhepunkt ihres eigenen Leidensweges, der sie und ihre Angehörigen in den schrecklichen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu Opfern der stalinistischen Verfolgung und Vernichtung in der ehemaligen Sowjetunion machte.

Stellvertretend für die zahlreichen Grußworte, die der Bundesvorsitzende für seine Zuhörer zusammengefasst hatte, sei ein sehr persönlich gehaltenes Schreiben der bekannten russlanddeutschen Schriftstellerin Nelly Däs zitiert: “Es ist sehr wichtig, dass das Schicksal der Deutschen aus Russland nicht in Vergessenheit gerät! Unsere Volksgruppe musste am meisten und am längsten leiden.

Ich denke an das Jahr 1937, als Stalins Häscher im September in unser Dorf kamen und 54 Männer verhafteten und nach Sibirien verbannten. Keiner kam jemals wieder.

Ich war damals sieben Jahre alt. Je älter ich werde, desto mehr denke ich an diese Nacht. Was waren die letzten Gedanken meines Vaters? Wie ist er gestorben? Wo ist sein Grab? Wir hatten nicht einmal die kleinste Chance, uns vom Vater zu verabschieden. Noch heute nagt der Schmerz in unseren Herzen.

Es leben nicht mehr viele von der Erlebnisgeneration; ihre Nachfahren wissen nur wenig über diese schreckliche Zeit. Ich habe vergeben, vergessen kann ich jedoch niemals! Möge Gott unsere Klage hören und die Weltöffentlichkeit unsere Toten in ihre Gebete mit einschließen!”

Fetsch beendete seine Rede, indem er ein weiteres Mal die nach wie vor ausstehende Rehabiltation der Deutschen aus Russland anmahnte: “Betrachte ich all das Leid, das die Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion ohne jede Schuld zu erdulden hatten, erfüllt es mich mit großer Trauer und Verbitterung, dass es bis zum heutigen Tag in keinem der Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu einer tatsächlichen Rehabilitation der Deutschen aus Russland gekommen ist.

Die Zeit wäre längst reif, sie von den Vorwürfen des Erlasses vom 28. August 1941 zu befreien und ihnen damit historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen!”

Andreas Maurer, stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung “Heimat”, betonte die Wichtigkeit von Veranstaltungen wie der alljährlich stattfindenden Gedenkfeier der Deutschen aus Russland, denn ohne eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit könne es keine Zukunft geben. Um der Feier den nötigen Nachdruck zu verleihen, müsse man am zentralen Veranstaltungsort in Berlin festhalten.

Der Angeordnete des Europaparlaments und Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, fasste die Lehren, die aus dem Unrecht der Verfolgung und Vertreibung gezogen werden müssten, in komprimierter Form zusammen. Insbesondere müsse es allgemeiner Konsens sein, mit Leidenschaft gegen jede totalitäre Bedrohung der Demokratie vorzugehen und das Recht auf Heimat zu schützen. Gemeinsame Aufgabe sei es, das tragische Schicksal der Deutschen aus Russland stärker in das allgemeine Bewusstsein zu rücken.

Die Festrede hatte wie bereits beim Bayerischen Landestreffen und bei der Gedenkfeier der Landsmannschaft in Friedland der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Christoph Bergner, übernommen. Er erinnerte daran, dass die Verfolgung der Deutschen in der Sowjetunion bereits lange vor dem 28. August 1941 begonnen habe, der sich aber inzwischen zu einem Gedenktag der Russlanddeutschen entwickelt habe.

Und der Aussiedlerbeauftragte erinnerte auch daran, dass die Deutschen in der Sowjetunion noch lange Jahre nach dem Krieg wie Verbrecher behandelt wurden - Sonderkommandantur, Diskriminierung in Ausbildung und Beruf, kulturelle und sprachliche Zwangsassimilation sowie das Warten auf eine gesetzliche Rehabiltierung sprächen eine deutliche Sprache.

Es sei ohne Zweifel die Absicht Stalins gewesen, die Russlanddeutschen als Volksgruppe zu eliminieren, er habe sein Ziel jedoch trotz der Anwendung brutaler Gewalt nicht erreicht.

Mit dem Schicksal der Volksgruppe befassten sich auch die beiden letzten Redner der Feierstunde. Während sich der stellv. Direktor des Nordost-Institutes, Dr. Alfred Eisfeld, dem tragischen Thema mit seinem Vortrag “Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee - schuldlos Bestrafte” auf theoretischem Wege näherte, berichtete die Zeitzeugin Frieda Bozedomova aus eigenem Erleben.

Die Totenehrung hielt der Visitator und Leiter der Seelsorgestelle für die deutschen Katholiken aus den GUS-Staaten, Dr. Alexander Hoffmann.

Abschließend Worte des Dankes an alle Mitglieder der Landsmannschaft, die zum Gelingen der Gedenkfeier beigetragen, insbesondere die Aktiven der Ortsgruppen Strelitz und Halle an der Saale, die Mitglieder des JSDR und die Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle, die alle mit anpackten.

 

 

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