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“Wenn wir das vergessen, verlieren wir uns selbst”
Gedenkfeier in Friedland

Die Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland am 23. August im Grenzdurchgangslager Friedland anlässlich des Vertreibungserlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 28. August 1941 hatte diesmal eine besondere Note. In seiner Festrede verkündete der niedersächsiche Minister für Inneres und Sport, Uwe Schünemann, nämlich, dass in Teilen des Lagers ein Erlebnismuseum geplant werde, das an die mehr als vier Millionen Menschen erinnern solle, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurden.

Die Landesgruppe Niedersachsen der Landsmannschaft mit ihrer Vorsitzenden Lilli Bischoff organisierte auch diesmal eine würdevolle Feier mit zahlreich erschienenen Gästen und einem musikalischen Rahmenprogramm. Nach der Feierstunde wurden traditionell Kränze an der Friedlandglocke und am Mahnmal für Heimkehrer von 1955 niedergelegt. Zu Ehren der Opfer der Vertreibung und der beiden totalitären Regimes hielt Pastor Steinberg einen Gottesdienst mit Totenehrung.

Die Teilnehmer der Gedenkfeier wurden von Lilli Bischoff und vom Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Adolf Fetsch, begrüßt. Eingangs stellte Lilli Bischoff die Ehrengäste aus Politik und Öffentlichkeit mit der Aussiedlerbeauftragten der CDU-Fraktion, Editha Lorberg, und dem Aussiedlerbeauftragten der SPD-Fraktion, Klaus-Peter Bachmann, vor und verwies auf die gute Zusammenarbeit der Landsmannschaft mit allen demokratischen Parteien.

Adolf Fetsch betonte mit einem Zitat des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Gerhard Glogowski, aus dem Jahr 1995 die besondere Bedeutung von Friedland für die meisten Deutschen aus Russland, die selbst oder deren Nachkommen der “Vernichtungsmaschinerie des stalinistischen Unrechtsregimes” entkommen konnten: “Friedland ist seit Jahrzehnten für Deutsche aus den Staaten Ost- und Südosteuropas der Inbegriff von Freiheit. Mit der Nennung dieses Ortes verbinden sich Hoffnungen und Erwartungen von Menschen, die sich entschlossen haben, ihre Heimat unter dem Druck der dortigen Verhältnisse zu verlassen, um in der Bundesrepublik Deutschland als Deutsche unter Deutschen in Freiheit leben zu können.”

Den aufschlussreichen Einblick in die Vertreibungs- und Diskriminierungsgeschichte der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion schloss der Bundesvorsitzende mit einem Hinweis auf die erwähnte Initiative des Landes Niedersachsen ab, in Friedland ein Museum einzurichten, das unter anderem an die Vertreibungs- und Auswanderungsgeschichte der Russlanddeutschen erinnern soll.

Auch Jochen-Konrad Fromme, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion erinnerte daran, dass Freiheit und Frieden nicht selbstverständlich sind: “An der Geschichte der Russlanddeutschen sieht man, wie allein aufgrund der Tatsache, ein Deutscher zu sein, eine Volksgruppe verfolgt und diskriminiert wird. Deswegen ist es so wichtig, aus dem 28. August 1941 Lehren zu ziehen.”

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Jüttner wies darauf hin, dass Deportationen auch nach 67 Jahren rechtswidrig seien und zu den Menschenrechtsverletzungen gehörten. Auch er hob die Bedeutung von Friedland als Erinnerungsort und Integrationszentrum hervor, die man beibehalten sollte.

Ebenso wie Adolf Fetsch befasste sich Oliver Dix, stellvertretender niedersächsischer Landesvorsitzender des BdV, mit dem Thema Museum: “Es ist eine großartige Idee, Friedland in ein Museum zu verwandeln. Es wird ein Stück dazu beitragen, das Trauma des Leidens aufzuarbeiten.”

“Opfer der Rache Stalins”

In seiner Festrede bezeichnete Dr. Christoph Bergner, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, den Deportationstag als “kalendarischen Gedenkstein, an dem sich Trauer und Schmerz festhalten. Keiner von den Russlanddeutschen hat Hitler gewählt, jeder musste aber der Rache Stalins zum Opfer fallen.”

Die Erinnerung an die Opfer – ein Drittel der Russlanddeutschen sei in den Wirren des letzten Krieges ums Leben gekommen – müsse aufrechterhalten und an die junge Generation weitergegeben werden, so Bergner. “Wenn wir das vergessen, verlieren wir uns selbst”, zitierte er aus dem Aufsatz eines Jugendlichen aus Russland.

Er betonte nachdrücklich die besondere Solidarität des deutschen Staates mit den Deutschen aus Russland, die am längsten leiden mussten. “In den Russlanddeutschen wird zuerst eine Schicksalsgemeinschaft gesehen, angesichts der schrecklichen Kriegsfolgen ist es auch richtig so. Wir alle müssen nun dafür sorgen, dass es eine Sprachgemeinschaft wird”, äußerte sich der Aussiedlerbeauftragte. “Russlanddeutsche sind eine Volksgruppe, die es verdient, mehr Stolz zu zeigen”, lobte er die Erfolge der Integration.

“Teil der Erinnerungskultur unseres Landes”

Mit begeistertem Applaus wurde danach die überraschende Mitteilung von Uwe Schünemann begrüßt, der die angesprochene Idee eines Museums in Friedland als bereits beschlossene Sache der Landesregierung verkündete.

Der Innenminister bezeichnete Deportationen als “schweres humanitäres Verbrechen”, wobei im Fall der Russlanddeutschen einer Volksgruppe ihre Grundexistenz genommen worden sei. “Solche Schicksale sollen aus der Geschichte nicht verdrängt werden”, so Schünemann.

“Für mehr als vier Millionen Menschen war das Grenzdurchgangslager ein ‘Tor zur Freiheit' – angefangen mit der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen. Die Geschichte des Lagers und der Menschen, die hier Aufnahme fanden und finden, soll das geplante Museum auf besondere Weise erlebbar machen”, beschrieb Uwe Schünemann weiter. Rund 650.000 Euro habe die niedersächsische Landesregierung allein für die Planung vorgesehen.

Zum Schluss lobte der Innenminister die gute Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft, wobei es bei den regelmäßigen Gesprächen nicht nur um Probleme gehe, man suche vielmehr auch nach Lösungen und biete sie an. Niedersachsen stehe nach wie vor zum kollektiven Kriegsfolgenschicksal der Deutschen aus Russland. “Wir wollen, dass ihre Kultur zur Erinnerungskultur unseres Landes gehört”, sagte Schünemann mit Blick auf das geplante Museum.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier durch Auftritte der Chöre aus Osnabrück und Thüringen sowie einer Folkloregruppe aus Tjumen, die im Rahmen der Partnerschaft zwischen der Landesgruppe Niedersachsen und dem Gebietszentrum der deutschen Kultur Tjumen eine Woche lang durch die niedersächsischen Städte tourte.

 

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