|

Eine Reise in das Wolgagebiet
Treffen mit Landsleuten in Saratow, Engels und Marx
Nach Abschluss des 6. Forums der Begegnungszentren der Russlanddeutschen in Moskau unternahmen Waldemar Axt, stellvertretender Bundesvorsitzender, Lilli Bischof, Mitglied des Bundesvorstandes, und Dr. Alfred Eisfeld, Nordost-Institut Göttingen, gemeinsam eine Reise in die Wolgaregion. Ziel der Reise war es, Informationen über den Fortgang einiger Projekte einzuholen und mit interessierten Behörden und Persönlichkeiten über das 250-jährige Jubiläum der Wolgadeutschen in Kontakt zu treten.
Über den Zustand des Archivs Engels, in dem der größte Teil der Archivakten über die Wolgadeutschen lagert, hat VadW in seiner Ausgabe Nr. 5/2005, S. 47, Berichte Reden Interviewst. Die Vereinbarung der russischen und der deutschen Regierung über die Errichtung eines Anbaus zum bestehenden Getreidespeicher, der bis dahin als Archiv genutzt wurde, dafür aber nicht geeignet war, wurde umgesetzt.

Unsere Delegation konnte die neuen Magazin- und Arbeitsräume, zu deren Ausstattung auch die Verwaltung des Gebiets Saratow beigetragen hat, besichtigen. Die Akten lagern nun trocken, bei regulierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Um die Lebensdauer der Dokumente zu verlängern und die Benutzungsmöglichkeiten zu verbessern, sind jetzt Restaurierungsarbeiten und zum Teil auch die Mikroverfilmung von Akten erforderlich. Dazu gehören vor allem die Orts- und Gemarkungspläne der Kolonien, Kirchenbücher und Akten der Orts- und Kreisverwaltungen.
Die Direktorin des Archivs, Jelisaweta Jerina, sprach mit Blick auf das Nordost-Institut den Wunsch auf Fortsetzung der bisherigen Forschungs- und Publikationsprojekte aus. Gerne würde man auch mit der Landsmannschaft zusammenarbeiten. Für das bevorstehende Jubiläum regte Frau Jerina mehrere Projekte an, die sicher auf das Interesse unserer Landsleute stoßen werden.
Über das bevorstehende Jubiläum fand ein eingehender Meinungsaustausch mit Prof. Dr. Igor Plewe, Minister für das Bildungswesen in der Regierung des Gebietes Saratow, statt. Prof. Plewe ist vielen unserer Landsleute und Leser als Historiker bekannt, der sich mit der Geschichte der Wolgadeutschen befasst und mehrere Bücher und Aufsätze darüber veröffentlicht hat. Seiner Vorarbeit waren die Unterredung in der Rayonverwaltung in Engels und der Besuch in Marx zu verdanken.
Die Besprechung mit der für den sozialen und humanitären Bereich zuständigen Stellvertreterin des Gouverneurs von Saratow musste wegen des überraschend erfolgten Rücktritts des Oberbürgermeisters der Stadt Saratow verschoben werden. Es wird bei nächster Gelegenheit nachgeholt.
Prof. Plewe unterstützt das Vorhaben der Landsmannschaft, ein Wolgadeutsches Haus im Hessenpark aufzubauen (siehe VadW Nr. 8-9/2007, S. 8-9), und war unserer Delegationen in diesem Sinne sehr behilflich. Auch Anregungen für eine gemeinsame Vorbereitung auf das 250-jährige Jubiläum der Wolgadeutschen, an denen das Land Hessen, die Gebiete Saratow und Wolgograd, unsere Landsmannschaft und die Landsmannschaft der Wolgadeutschen in Saratow sowie Vereine der Wolgadeutschen in Übersee und Persönlichkeiten aus den Kirchen, aus Wissenschaft, Kunst und Politik beteiligt werden sollten, fanden seine volle Unterstützung.
Die Unterredung mit dem 1. Stellvertreter des Verwaltungschefs des Rayons Engels, Andrej Rutschkin, verlief in sachlicher und freundschaftlicher Atmosphäre. Das Projekt eines wolgadeutschen Hauses im Hessenpark war ihm bereits bekannt. Die Verwaltung des Landkreises hat uns für die nächsten Wochen Informationen über geeignete Gebäude in ehemaligen Kolonien zugesagt.
Dass es solche Häuser noch gibt, konnte man zum Beispiel in Orlowskoje sehen. Das Abbauen eines Holzhauses und dessen Aufbau an einem anderen Ort ist bautechnisch kein Problem. Davon konnte sich die Delegation im Freilichtmuseum in Saratow überzeugen: Dort wurde gerade ein wolgadeutsches Haus aufgebaut.

Der Besuch in Marx hat nachdenklich gemacht. Wie nah beieinander (auch räumlich!) Licht und Schatten sind, konnte man in der evangelisch-lutherischen Kirche und, wenige hundert Meter weiter, im Deutsch-Russischen Haus und am neu errichteten Denkmal für Katharina II sehen. Das Denkmal konnte dank einer privaten Initiative errichtet werden.

Nun schaut Katharina auf die auf einer Anhöhe stehende evangelisch-lutherische Kirche, der nicht nur der Glockenturm fehlt. Bislang konnten einige Instandsetzungsarbeiten mit Hilfe aus Deutschland durchgeführt werden (s. VadW Nr. 1/ 2007, S. 24). Im Innenraum wird angesichts des bröckelnden Putzes, verursacht durch Wasserschäden, klar: Diesen Bau kann die Gemeinde in Marx nicht alleine Retten.
Das Gustav-Adolf-Werk der Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat zu Spenden für die Kirche aufgerufen. Das allein wird wohl auch nicht reichen. Die Kirche in Marx ist der städtebauliche Mittelpunkt der Stadt. Sie steht unter Denkmalschutz, und das ist eine staatliche Aufgabe. Der Staat ist auch verantwortlich für die durch zweckentfremdende Nutzung als Kinosaal aufgetretenen Schäden und die ausgebliebene Instandhaltung des Gebäudes. Es muss daher ein gemeinsames Anliegen der Verwaltungen des Gebietes Saratow, der Stadtverwaltung Marx, der Evangelisch-Lutherischen Kirche, der Landsmannschaft der Wolgadeutschen und unserer Landsmannschaft sein, diese Kirche zu renovieren. Über geeignete Schritte wird bereits in den nächsten Wochen zu beraten sein.
Einen insgesamt guten Eindruck hinterließ der Besuch des Deutsch-Russischen Hauses in Marx. Sprach-, Computer- und Bastelkurse sind gefragt, eine kleine Bibliothek ist vorhanden. Will man nach der Anzahl und dem guten Zustand der Ruderbote urteilen, so ist nicht nur der Bericht über die Aktivitäten der Jugendgruppe überzeugend, sondern auch die Einladung an Jugendgruppen unserer Landsmannschaft zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit und zum Jugendaustausch.
Zum Schluss seien zwei Fragen gestattet: Hat sich die Reise gelohnt? Was hat sie gebracht? Vor allem neue Informationen und Kontakte. Manches sieht und versteht man nach einer solchen Reise besser und wird daher auch mit mehr innerer Überzeugung und Einsatz für die Verwirklichung unserer Vorhaben arbeiten können.
|